Presseartikel

Roundabout

St. Martin, Kassel, 2021

Fotos: © Nils Klinger

Roundabout

Presse:

HNA, 11. 9. 2021
HNA, 24. 9. 2021


Einführung in die Ausstellung „Roundabout“, St. Martin, 2021
Angela Makowski

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie können sich sicher vorstellen: In den letzten Tagen ging es hier rund. Alle Beteiligten sind rotiert, um ein Kunstwerk entstehen zu lassen. Und als die Bewegung aufhörte, lag „Roundabout“ am Boden.
Bewegung ist also die Voraussetzung für Stabilität. Hört der Kreislauf auf, drohen Kollaps, Umsturz und Havarie. Damit ist ein allgemeines Weltgesetz formuliert – eines, das im Kleinsten wie im Größten wirksam ist. Irgendwo dazwischen liegt Michael Göbels skulpturales Objekt, dessen Ankunft wir heute feiern.
Wer kurz zuvor diesen Kirchenraum betrat, empfand möglicherweise Irritation: Komme ich denn nicht hierher, um eine Auszeit vom Alltagsgetriebe zu nehmen? Ich will hier Ruhe schöpfen, Stille spüren und keinerlei Ablenkung ausgesetzt sein. Stattdessen taucht hier mitten im Raum dies sperrige Gebilde auf, das in seiner Schieflage manchen wie ein kollabiertes Karussell vorkommen mag.
Ist „Roundabout“ vielleicht vom Himmel gefallen und versinkt defekt im Boden? Nun, auch die umgekehrte Perspektive ist möglich: Ist diese technische Maschinerie vielleicht im Begriff, aufzutauchen, dem Untergrund zu entsteigen, aus dem sie in – wie der Künstler dazu sagt -alltagsarchäologischer Arbeit herauspräpariert werden muss, um sich allmählich zu voller Größe, zu Form und Funktion erheben zu können? Jedenfalls behauptet dieses UFO unübersehbar seine Präsenz im Kirchenschiff – und fordert uns alle zur Stellungnahme heraus.
Was also haben wir hier für die nächsten Wochen vor uns?
Das rubinrote Konstrukt verweist auf Rotation, auf Wiederholung, auf: Ritual. Und damit auf Vorgänge im gesellschaftlichen Rahmen, der geprägt ist von wiederkehrenden Handlungsmustern. Wie das mechanische Gerät durch die Wiederkehr des Gleichen Stabilität gewinnt, so gibt sie uns allen Sicherheit, Standfestigkeit und Ortsbezug in einer sich immer rascher wandelnden Welt.
Und damit liegt „Roundabout“ hier, wo es liegt, genau richtig: in einem Ambiente, das gleichfalls charakterisiert ist durch zirkuläre Vorgänge. Denn auch der soziale Handlungsraum Kirche ist auf vielfältige Weise geprägt von ritualisiertem Handeln, das die einzelnen einbindet in ein System sich wiederholender Abläufe. Die Liturgie stiftet Geborgenheit im Regelwerk zirkulärer Vollzüge.
Darüber hinaus können wir Michael Göbels Skulptur auch in kunstgeschichtlichem Zusammenhang betrachten. Denn im Gegensatz zu seiner Sonderstellung hier in St. Martin ist das Karussell in der bildenden Kunst gelegentlich – und in sehr unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen – anzutreffen. Mit seinem Konzept leistet der Künstler daher seinen Beitrag zu jenen Karussell-Adaptionen der neueren Kunst- und Kulturgeschichte, die zumeist mit gesellschaftskritischen und politischen Implikationen argumentieren.
Zu nennen ist da zum Beispiel Hans Haacke, der für „Skulptur.Projekte Münster 1997“ das dortige Kriegerehrenmal mit einem Kinderkarussell konfrontierte, bei dem das „Deutschlandlied“ den Soundtrack bildete.
Und Andreas Sieckmann machte (manchen von Ihnen vielleicht noch erinnerlich) während der documenta 12 das Denkmal Friedrich II. mit einer Karussell-Umbauung zum Dreh- und Angelpunkt seiner Kritik an Ausländerrecht und Abschiebeverfahren.
Als jüngstes Beispiel möchte ich das Waisen-Karussell in der Frankfurter Gallus-Anlage erwähnen: Die Künstlerin Yael Bartana – ebenfalls auf der documenta 12 präsent – installierte es Anfang September in Erinnerung an die Kindertransporte nach England 1938/39. Damals – wie heute z.B. in Kabul – hegten Kinder und Eltern die Hoffnung auf baldiges Wiedersehen.
Es sind dies Beispiele künstlerischen Rotierens, die den Blick auf das jeweilige Zentrum der Bewegung konzentrieren: auf das, worum sich alles dreht. Das Karussell dient als Instrument der Aufmerksamkeitslenkung auf das Wesentliche.
Alle reden vom Karussell – ich bislang auch. Doch bei Licht besehen, ist Michael Göbels Karussell keines – auch kein Modell eines solchen. Es ist, was wir sehen: ein dreidimensionales Objekt, das zugebenerweise gewisse Form-Merkmale mit dem wohlbekannten Vergnügungsgerät gemein hat.
„Dies ist keine Pfeife“, hatte Rene Magritte unter seine Abbildung einer Pfeife geschrieben. Und so könnte auch unser Künstler sagen und schreiben: „Dies ist kein Karussell!“
Das mag spitzfindig klingen – und das ist es auch. Aber es ist entscheidend für die Beurteilung dessen, was wir da vor uns haben: nichts anderes nämlich als ein Kunstwerk. Die Möglichkeit zur Unterscheidung zwischen einem realen Gegenstand und seiner künstlerischen Abbildung ist für den Umgang mit dieser essenziell. Jahrhundertelang hatte ein blutiger Bilderstreit genau um diese Frage nach Identität oder Nichtidentität von Abbild und Abgebildetem gewogt – und insbesondere auf dem Feld der Religion, auf dem wir uns hier befinden, ist dieser Unterschied nach wie vor von fundamentaler Bedeutung.
Bislang gab es zwei plastische Großstrukturen, die den Raumeindruck von St. Martin wesentlich mitbestimmten:
das Grabdenkmal für Landgraf Philipp hier an der Nordseite mit seinem historischen Formenaufwand – und die neue Orgel mit ihrer horizontalen und vertikalen Ausrichtung. Nun ist ein drittes Element hinzugekommen: eines, das auf den ersten Blick quer zu den traditionellen Ausstattungstücken zu liegen scheint. Bei näherer Betrachtung indes bindet sich „Roundabout“ durchaus harmonisch in deren Eigenschaften ein: Denn zum Karussell (wenn es denn eines ist) gehört unvermeidlich das Element Musik, vorzugsweise die einer Orgel. Und: die Figur des Landgrafen in seinem Epitaph ist momentan so defekt, so heilungs- und heilsbedürftig, wie es auch Michael Göbels Jahrmarkts-Maschine zu sein scheint.
Wenn Sie sich einmal umschauen, dann sehen Sie: Der Kirchenraum von St. Martin weist etliche lineare Strukturen auf: Säulen, Gewölberippen, Fensterbänder und deren Windleisten. Eingebettet in dieses System aus visuellen Bezügen löst sich „Roundabout“ – trotz seiner massiven Materialität – aus manchen Blickwinkeln nahezu in die Raum- und Luftsituation hinein auf. Das Kunstwerk, das keinen eindeutigen Betrachtungsstandpunkt aufweist, sondern stattdessen eine Vielzahl von Perspektiven eröffnet, verlangt also, dass sich das Publikum selbst in Bewegung setzt und um das Werk zirkuliert. Denn dies ist eine Lehre der Rotation: Nur im beständigen Wechsel der Ansichten kann Kunstwahrnehmung heute funktionieren: nicht durch das Bestehen auf dem eigenen Standpunkt, sondern in der Bereitschaft zum Erleben des immer wieder Neuen und Anderen.
Sofern denn nun dieses Werk als Karussell wahrgenommen wird: Die Kirche hat noch Luft nach oben. „Roundabout“ könnte hier vollständig ins Lot gebracht werden; gleich könnte es die unterbrochene Rotation wiederaufnehmen. Und wenn ich noch die Chorkirche als möglichen Standort hinzunehme: An beiden Orten könnte „Roundabout“ seine Dynamik entwickeln; die Musik ist jedenfalls schon da: Schwalbennestorgel oder die beiden Rieger-Orgeln. So kann es also losgehen! Schnallen Sie sich an! Verlassen Sie den Boden der Sonntagsrealität – und lassen Sie sich eindrehen in die Dimension der bildenden Kunst!


Art Exchange – Kassel zu Gast in Mönchengladbach

Paul Diestel, Slawomir Elsner, Michael Göbel, Andrea Grützner, René Wagner und Nicola André Wagner

Galerie Löhrl, Mönchengladbach, 2019



• Lepidoptera (aus der Serie der Pretiosen)
• Stufen (aus der Serie Gedankengebäude)
• o. T.
• o. T. (Serie: Luna Park)
• o. T. (Serie: Behind)

Presse:

„Kassel zu Gast in Mönchengladbach“, so lautet der Titel der aktuellen Ausstellung in der Galerie Löhrl. Sechs junge Künstler, geboren zwischen 1973 und 1996, alle vertreten von der Kasseler Galerie Coucou, geben in Mönchengladbach Einblick in ihr besonderes, sehr durchdachtes und ästhetisches künstlerisches Werk. Kuratiert wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit mit Christian Löhrl von Kathrin Balkenhol und Milen Krastev.
Die sechs Künstler Paul Diestel, Slawomir Elsner, Michael Göbel, Andrea Grützner, René Wagner und Nicola André Wagner, arbeiten auf den Gebieten Fotografie, Bildhauerei und Malerei.(…)
Michael Göbel spielt geschickt mit dem Zeigen und Verstecken. Seine Arbeit „Stufen“ ist eine philosophische Metapher für das Leben des Künstlers. In einer Säule befinden sich Auf- und Abgänge, von außen mehr zu erahnen als zu sehen. „Man vergräbt sich, man versucht zum Kern vorzudringen und dreht sich auch um sich selbst“, erklärt Göbel. Auch seine Schmetterlinge, 80 Kästen mit nachgebauten Schmetterlingen, alles in Schwarz und fast verschwindend, sind metaphorisch zu sehen: Hier verbirgt sich Sammelleidenschaft ebenso wie ein Verstecken derselben. (…)
Sechs Positionen – sechs Einblicke – sechs Überraschungen: eine Ausstellung, die zu besuchen es lohnt.

Sigrid Blomen-Radermacher, Rheinische Post, 7. Mai 2019


Isolation
Marco Di Carlo, Shpresa Faqi, Michael Göbel, Liz Mülleneisen, Maja Oschmann, Maya Sikorska
387, Kassel, 2016

Stufen (aus der Serie der Gedankengebäude)

Karin Thielecke MA Einführung in die Ausstellung (Auszug)
(…) Eine ganz andere künstlerische Position stellen wir mit Michael Göbel vor. Seine themenbezogenen Konzepte beschäftigen sich oft mit den öden Orten, verwaisten Ideen, den verlassenen Plätzen und Überbleibseln unserer Kultur. Mit einer ironischen Grundhaltung beobachtet er in seinen Arbeiten das Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Konformität.
Mit „Stufen 1-4“ zeigt Michael Göbel nun erstmals eine neue Werkgruppe aus der Serie „Gedankengebäude“, die im hinteren Teil des Raums eine Insel bilden: Vier graugrüne Monolithen, handwerklich präzise und perfekt gearbeitet. Wie sie da stehen wirken sie abweisend und fast hermetisch von der Umgebung abgeschlossen – wären da nicht die wenigen fensterartigen Einschnitte, die einen vagen Einblick in das Innenleben der Quader gewähren. Die Objekte verbergen mehr als sie offenbaren. Der Künstler hat Stiegen und Treppenhäuser fotografiert und exakt als verkleinertes Modell nachgebildet – bis hin zur Andeutung ihrer unterschiedlichen Materialität wie Holz oder Beton.
Es schaudert einen und lässt einen spüren wie sehr sich die medialen Bilder und Narrative in unser Gehirn eingenistet haben. Doch der Künstler beteuert glaubhaft, die Bildvorlagen seien diesmal ganz harmlose Auf- und Abstiege. Es sind herausgeschnittene Blöcke aus der Realität, die mit der Ambivalenz von Innen und Außen spielen. Isoliert im eigenen Gedankengebäude scheint der Ausweg ein eher gefahrenvoller zu sein, scheint die Aufwärtsbewegung zum Licht ein Absturzrisiko zu bergen. (…)

Presse


Raumfluchten
mit Elke Zauner
Galerie im Artforum, Offenburg, 2014

Badischen Zeitung, 24. 2. 2014, Erika Sieberts
Expansive Malerei trifft auf dreidimensionale Kulturkritik
Malerin Elke Zauner und Objektkünstler Michael Göbel zeigen im Artforum ihre gemeinsamen künstlerischen Ansätze. OFFENBURG. Scheinbar spielerisch haben die beiden Künstler Elke Zauner und Michael Göbel in der Galerie des Artforums die Räume bestückt. Leicht und frei kommen die Kunstwerke auf Wand und Sockel daher, als ob man daran weitermalen und weiterbauen könnte. Dabei ist alles streng geplant. Kein Bild von Zauner entsteht aus dem gestischen Strich und kein Objekt stellt Göbel mit schneller Hand zusammen. Die Malerin aus München und der Objektkünstler aus Kassel haben sich bei Symposien kennengelernt und bemerkt, dass sie künstlerisch ähnliche Ansätze haben. Dies ist ihre erste gemeinsame Ausstellung: er, 1973 in Niedersachsen geboren, Studium an der Kunsthochschule in Kassel – sie, 1972 in Bayern geboren, Studium an der Akademie für bildende Künste in München. Da sind die bemalten Wände und Leinwände von Elke Zauner, die quasi über sich hinausmalt. Expansiv sind die Konstruktionen, die sie zunächst auf einer Leinwand anlegt, deren Linien und Farbflächen jedoch den dafür vorgesehenen Rahmen verlassen und sich wie Baugerüste und Kräne über die gesamte Wand verteilen und ihre eigene Architektur schaffen. Perspektivische Fluchten bringen Dynamik, Farbe verleiht den Linien Hierarchie und den Flächen harmonische Muster. Der Betrachter beobachtet von seinem Standort aus den Bau einer Großstadt im Zeitraffer. Stillstand, Eingefrorensein als Gefühlsausdruck, vermitteln die Arbeiten von Michael Göbel. Zwei Modelle bereits ausgeführter Arbeiten liegen wie Opfer einer beendeten Freizeitkultur auf einem Sockel: das Fragment eines Riesenrads und das eines Kettenkarussells. Inhaltlich eine ebenso zufällige wie treffliche Ergänzung zum großen Wandbild von Elke Zauner, das sie Phantasialand genannt hat. Die Eindrücke habe sie beim Arbeiten im Freizeitpark bei Köln gesammelt. Auch das Riesenrad von Michael Göbel hat eine reale Geschichte. Der Künstler bezieht sich auf einen Mitte der 1980er Jahre in Plan befindlichen Rummelplatz in Prypjat, der den Angestellten des Atommeilers in Tschernobyl Abwechslung verschaffen sollte. Das Projekt ist gestoppt worden. Göbel schafft dreidimensionale Objekte und gibt ihnen einen einheitlichen Anstrich. Gleichmachen will er individuelle Erscheinungen, kaum mehr unterscheidbar voneinander – ob es Baukastenelemente sind, die er in seiner eierschalenfarbenen Pförtnerloge zeigt, oder Riesenrad und Karussell. Unter ihrer monochromen Hülle verlieren die Gegenstände ihre Einzigartigkeit. Göbel setzt sich kulturkritisch mit dem Individualismus auseinander. Auf der oberen Etage zeigt er seine Schmetterlingssammlung, die er selbst gebaut und einheitlich geschwärzt hat, ebenso Armbanduhren in offenen Schatullen. So entzieht er den Dingen ihre Daseinsberechtigung als bunte Schönheit oder modernes Designobjekt. Auch zeichnerisch untersucht Göbel die Grenzen des Monochromen. Mit hellen Grautönen auf weißem Papier entwirft der Künstler Stillleben, die ganz subtil ihre Komplexität entfalten.



Bergungen
Petra von Breitenbach, Michael Göbel, Christine Wigge
Bergkirche Wiesbaden, 2013

Gabrielle Hattesen Einführung in die Ausstellung (Auszug)

Michael Göbel zeigt themenbezogene Konzepte, die sich oftmals mit Orten beschäftigen, die öde, unbewohnt, scheinbar wesenlos dastehen. Der Künstler zwingt uns quasi zum Betrachten von Szenen danach. Seine skulpturalen Objekte hier in der Kirche sind „ohne Titel“. Was verbergen sie, wer sucht Bergung, wer versteckt sich hier und wovor?
Ölmäntel sind die klassischen Bekleidungsstücke der 1950/1960er Jahre zum Schutz gegen Wind und Wetter; man denkt an Sturm und Unwetter auf hoher See, an Menschen, die den Widrigkeiten der Natur trotzen. kurzum an Menschen in Aktion.
Die beiden gelben Ölmäntel, die Michael Göbel hier präsentiert, sind menschenleer. Die Mantelteile vergraben sich zum Teil in einen „Assoziationsraum“. Der Betrachter empfindet Empathie mit einem nichtexistenten Wesen, das diesen Mantel als Schutz verwendete.
Die Glasfläche lehnt behutsam an der starke Kraft ausstrahlenden Kirchenwand. Wir erkennen auf ihr nur zaghaft einen verlassenen Raum – mit den Gegenständen, die ein karges Leben einer Klause ausmachen: ein Stuhl, ein Bett, Überbleibsel einer Wandgestaltung. Doch alles verbleibt im Bereich der Andeutung, des Ungewissen, der Phantasie, des Nicht mehr– oder Noch nicht-Seienden.
Wiederum ein menschenleerer Ort.
Der Zustand des Nichtmehrseins, das Leere, die Verlassenheit ist Programm des künstlerischem Tuns von Michael Göbel.
Es bleiben nur Gegenstände. In den Sinn kommt einem ein bekannter, auf Baudrillard zurückgehender Satz aus dem Film „die Matrix“: „welcome to the desert of the real“. Willkommen in der Öde der Wirklichkeit. Und in diese Wirklichkeit scheint sich die auf dem Rand des Altars stehende, alles überblickende Figur, das „Alter Ego“ des Künstlers, stürzen zu wollen.

Presse

Wiesbadener Tageblatt


51°18’49“N 9° 29′ 51“E
Stefan Daub, Michael Göbel, Silvia Götz, Milen Krastev, Diana Kühn, Annegret Luck, Milen Miltchev, Ingmar Mruk, Charlotte Mumm, Jörn Peters, Andrea Schüll, Johannes von Stenglin, Sünje Todt, Daniela Toebelmann, Aylin Uçar, Vesselin Vassilev
Kasseler Kunstverein, 2010

 
Arbeiten:

Deadlock (Prypjat)
o. T. (Luna Park)

Bernhard Balkenhol Katalogtext
Ein Riesenrad auf Raumhöhe geschrumpft und teilweise in die Wand und in den Boden versunken relativiert nicht nur das menschliche Maß sondern auch das Mögliche. Michael Göbels Skulptur „Deadlock“ ist dem Riesenrad in Prypjat nachempfunden. In der russischen Arbeiterstadt des Kernkraftwerks Tschernobyl sollte am 1. Mai 1986 ein Vergnügungspark eröffnet werden, wozu es durch die Reaktorkatastrophe am 26. April des Jahres nicht mehr kam. Seit diesem Tag steht das Riesenrad (wie die gesamte Region) in absolutem Stillstand.
Solche Archäologie von Gegenwart und „versunkener Kulturen“ mag romantisch sein oder sich zu Mahnmalen umkehren, die vor dem Unglaublichen warnen. Michael Göbel geht es um mehr. Denn Ausgangspunkt für die Skulptur sind Informationen und Bilder aus den Medien, die er bereits als eine auf Wirkung spekulierende Auswahl versteht. Er reduziert und glättet sie noch einmal, so dass sie wie exemplarische Modelle verstanden werden können. Farbe, Form und Dimension bekommen symbolischen Charakter und verweisen darauf, dass es sich hier um eine Metapher handelt.
Denn es geht ihm nicht darum, in persönlicher Handschrift die Welt zu kommentieren, vielmehr will er Objekte und Situationen aufspüren – und dann neu erschaffen, die auf grundsätzliche Empfindungen oder Begriffe verweisen, Pattern also, die das besondere Einzelne als das Allgemeine behaupten. Seine Objekte und Orte, auch die auf den Bildern, wollen gar nicht (genau) gesehen werden – so „sauber“ sie auch gearbeitet sind – sie wollen vielmehr die Fläche sein, auf der sich die Projektion der originalen Ereignisse und die der Betrachter treffen.
So kann man seine Zeichnungen, mit leichtesten Graustufen gezeichnet, einerseits als der Realität weggenommene Bilder verstehen und gleichzeitig als Nachbilder im Kopf des Betrachters, der sich bereits abgewendet hat.
Michael Göbel lässt sich in seinen Medien nicht festlegen, macht Zeichnungen, malt Bilder, baut Skulpturen und ganze Räume. Die Hotelanlage („Am Strand“, 2005), das Einfamilienhaus („Zuhause“, 2004) und der Stuhlkreis („Kathedralen“, 2001), Hochsitze („o.T. (Hochstände)“, 2007) oder das Zelt auf dem Floß (in der Installation „wilderness“, 2008) und auch schon die unzähligen Personen aus dem Alltag („Menschen“ / „100 Menschen“, 1997/98), immer sind es konkrete Gegenstände und Prototypen und „endgültige Lösungen“ zugleich.

Presse

HNA, 23.01.2010

Inseln
Kunsthalle Willingshausen, 2010

 
Arbeiten:

• Insel
• o. T. (Serie: Gärten)
• Aufgänge
• o. T. (Sonne)
• o. T.

Bernhard Balkenhol (Katalogtext)
Inseln
Dörfer sind wie kleine Seen, die von Straßen und Wegen gespeist, sich in der Landschaft gebildet haben. Von den Menschen aus gesehen, die darin wohnen, könnte man auch von Inseln sprechen. Deren Bewohner haben sich hier angesiedelt und auf dem eingenommenen Land ein Gemeinwesen gegründet. Es fasst sie zusammen und schützt sie vor dem Draußen. Auf diesen Inseln haben sich die jetzt Ansässigen wiederum eigene kleine Inseln gebaut, Orte, an und in die sie sich zurückziehen können, wo sie sicher sind vor den Blicken und Zugriffen der Anderen. Darin wiederum, abgetrennt oder über Treppen erreichbar, findet man noch kleinere Orte, die privaten Zimmer, wo jeder ganz für sich sein kann. Geht man diesen Weg weiter, gelangt man zu den Möbeln, den Schubladen und Schachteln, schließlich in die Kleidung bis in den Kopf, den wachen wie den schlafenden.
„Niemand ist eine Insel“, so sagt man sprichwörtlich. Der Dichter und Theologe John Donne hatte Anfang des siebzehnten Jahrhunderts diesen Satz formuliert und weiter ausgeführt: „Jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlands. Wenn ein Erdklumpen ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso wenn es eine Landzunge ist, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes.“ Er wollte darauf aufmerksam machen, wie wertvoll jeder Einzelne für das Gemeingut ist und wie sehr ihn das verpflichtet.
Gleichwohl braucht es offenbar die Grenzen. So jedenfalls sieht Michael Göbel das, der im Rahmen seines Arbeitsstipendiums drei Monate in dem kleinen Schwälmer Dorf Willingshausen verbracht hat. Seine Ausstellung in der dortigen Kunsthalle nannte er vieldeutig „Inseln“.
Michael Göbel zeigt dort Zäune, Hecken und Tore, die die einzelnen Grundstücke und Höfe abschotten. Er zeigt Treppen, deren Von-Wo und Wohin schwer zu identifizieren ist. Und er zeigt beleuchtete Fenster in der Nacht, die die neugierigen Blicke anziehen wie die Mücken das Licht. Er selbst zeigt sich auf der Einladung und dem Plakat als Fremder auf dem Weg ins Dorf, mit seinem gelben „Friesen-Nerz“ wie in eine alte Schwarz-Weiß-Postkarte hinein montiert.
Grundlage all dieser Bilder sind streng dokumentarisch aufgenommene Fotografien. Sie nehmen das Gesehene emotionslos und präzise in Besitz. Trotzdem verorten sie den Fotografen durch die spezifisch bildnerische Gestaltung von Ausschnitt, Blickrichtung und perspektivischer Verzeichnung und zeigen sein Motiv, „was sehen“ zu wollen. Die Bildmotive allerdings verschließen dem Betrachter den Blick, zeigen ihm, dass er draußen steht und eigentlich nichts sehen kann – und soll.
Michael Göbel hat die Fotografien von den verschiedensten Abgrenzungen im Dorf als Vorlage zu großformatige Zeichnungen verarbeitet. Sie geben das Foto allerdings nicht in seiner Farbigkeit wieder sondern in einem kaum sichtbaren Grau. Mit dem Filzstift übersetzt er es graphisch und ohne jegliche Handschrift in eine Parallelschraffur, als würden sich das Motiv, die Mauern und der Bewuchs gegen ihre Sichtbarkeit und tatsächliche Erscheinung wehren. Die Motive gehen in einem zeichnerischen Effekt auf und verwandeln so das Bild in ein Bild vom Bild.
Auch die Fotografien von den Treppenhäusern hat Michael Göbel übersetzt, indem er sie auf bloßes Helldunkel reduziert und auf Glasplatten geätzt hat. Man muss einen bestimmten Winkel finden, um sie überhaupt deutlich wahrnehmen zu können. Geht man ganz nahe heran, löst sich das Bild in kaum noch signifikante matte und glänzende Flächen auf. Wieder aus dem Abstand gesehen, erscheint das Bild wie eine farblose Spiegelung auf einem Fenster, das den interessierten Blick begrenzt.
Und schließlich die Lichtpunkte in der dunklen Nacht, die hell erleuchteten Fenster, auch sie gewähren keinen Einblick. Niemand ist darin zu sehen, beleuchtet sind nur die Grenzen zum Privaten, die Vorhänge und der Fensterschmuck als indirekte Charakterisierung und minimaler Verweis auf die Bewohner.
So geben diese Fenster, ebenso wie die Treppenhäuser und Absperrungen ein Bild ab, das gerade in der spezifischen künstlerischen Verarbeitung mehr als ihr Motiv ist. Das Motiv wird zur Metapher, wodurch sich die distanzierte Sachlichkeit wieder personalisiert, und fragt nach den Menschen und ihren Haltungen wie nach dem Standpunkt und den Projektionen des Betrachters – und das, trotz oder gerade wegen der Widerstände, die dem Betrachtung in den Weg gelegt werden.
Wie gegenständlich und real ein solches Bild auf den Begriff gebracht werden kann, zeigte die zentrale Arbeit in der Ausstellung: der aufgebockte Tanzboden, der sich mit seinen Lampions über dem Trubel des Dorffestes erhebt – auch eine Insel, zum gemeinsamen Tanzen und zu fröhlich ausgelasser oder zärtlicher Zweisamkeit. Allerdings ist es schon Nacht und der Tanzboden verlassen in dunklem Blau. In seiner Größe um die Hälfte geschrumpft und teilweise verschwunden in der Wand, erscheint die Szene wie ein Nachbild, eine Erinnerung an etwas, das – so ähnlich oder prinzipiell? – schon wieder Vergangenheit ist.

Presse

HNA, 25.09.2010, Sandra Rose

room with a view
Kulturnetz Kassel, 2008

 
Arbeiten:

• o. T. (Hochstände)
• o. T. (Bedrooms)
• Sauerland Pension


Barbara Heinrich MA Einführung in die Ausstellung
Michael Göbel (Jahrgang 1973) hat in Kassel Freie Kunst bei Professor Lüthi und Visuelle Kommunikation bei den Professoren Ott und Stein studiert.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fotografie, Malerei, Zeichnung und Skulptur, die inhaltlich stets vernetzt sind und auch formal häufig in Form von Installationen zueinander gestellt werden.
Der Titel der Ausstellung „Room with a View“, also etwa „Zimmer mit Aussicht“, deutet das Thema schon an. Das englische Wort „view“ hat vielerlei Bedeutungen: Anblick, Ansicht, Aussicht, aber auch Absicht, Anschauung, Auffassung oder Betrachtung, Blick, Vorstellung.
Gemeint ist also nicht nur die Auseinandersetzung mit realen Räumen und ihren formalen Aspekten, also der Blick auf etwas, sondern es geht in Michael Göbels Arbeiten immer auch um Einblicke und Verortungen im Sinne von Ansichten oder Standpunkten.
Michael Göbels Skulpturen, wie die hier ausgestellten Hochstände, sind verkleinert nachgestellte, auf exakter Fotorecherche basierende Rekonstruktionen realer Gegebenheiten. Jeder kennt diese eigenartigen Gebilde der Waldmöblierung, die ihren Nutzern die Möglichkeit bieten unbeobachtet beobachten zu können. Im englischen nennt man sie „Raised Hides“, also erhöhte Verstecke. Der Hochstand ist ein Raum, von dem aus man den Überblick über einen bestimmten geografischen Bereich hat und der seine jeweiligen Nutzer zugleich selbst schützt – eine Art Anonymität in einem öffentlichen Raum.
Im Maßstab 1:6 verkleinert und gleichförmig rosa eingefärbt erstarren nun diese Kleinskulpturen zur ironischen Karikatur ihrer ursprünglichen Versprechungen, denn nun kann jeder Einblick nehmen – der Betrachter hat den Überblick über das Geschehen. Und um genau diese Umkehrung des Blickwinkels, um das Wechselspiel von Verstecken und Zeigen, von Intimität und Öffentlichkeit geht es in Michael Göbels Arbeiten.
So auch in Sauerland Pension, einem Ensemble aus zwei Kopfkissen, die auf einem hölzernen Bord ausgestellt sind. Was sonst nur in der Abgeschiedenheit eines Hotelzimmers dem jeweiligen Mieter (und dem Zimmermädchen) zugänglich ist, wird hier öffentlich gemacht, einschließlich der Gebrauchsspuren.
Dieser Wechsel von Innen- und Außenansicht setzt sich auch in den ausgestellten Zeichnungen fort, die zum einen öffentliche Räume, wie etwa die Poollandschaft einer Hotelanlage, aber auch Innenräume, also intime Interieurs zum Thema haben (in diesem Fall Schlafzimmer). Mit hellgrauem Grafikmarker sind die Sujets in zarter Schraffur aufgetragen. Nur aus der Fernsicht gibt sich das Dargestellte in seiner Gesamtheit zu erkennen. Kommt man näher, lösen sich die Formen in der Schraffur auf und werden transparent, fast durchsichtig.
Wie privat ist der öffentliche Raum? Wie viel Öffentlichkeit verträgt das Private? Welche Einblicke lassen wir zu und welche werden uns gewährt? Wie entstehen Ansichten und wie individuell sind sie? Um genau diese Fragen kreisen die Arbeiten von Michael Göbel.

Presse

HNA, 28.3.2008, P. Sommer
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