Einzelausstellungen


Auralia – achtmal alte brüderkirche

Alte Brüderkirche, Kassel, 2019



• Lepidoptera (aus der Serie der Pretiosen)


Raumfluchten
mit Elke Zauner
Galerie im Artforum, Offenburg, 2014

Badischen Zeitung, 24. 2. 2014, Erika Sieberts
Expansive Malerei trifft auf dreidimensionale Kulturkritik
Malerin Elke Zauner und Objektkünstler Michael Göbel zeigen im Artforum ihre gemeinsamen künstlerischen Ansätze. OFFENBURG. Scheinbar spielerisch haben die beiden Künstler Elke Zauner und Michael Göbel in der Galerie des Artforums die Räume bestückt. Leicht und frei kommen die Kunstwerke auf Wand und Sockel daher, als ob man daran weitermalen und weiterbauen könnte. Dabei ist alles streng geplant. Kein Bild von Zauner entsteht aus dem gestischen Strich und kein Objekt stellt Göbel mit schneller Hand zusammen. Die Malerin aus München und der Objektkünstler aus Kassel haben sich bei Symposien kennengelernt und bemerkt, dass sie künstlerisch ähnliche Ansätze haben. Dies ist ihre erste gemeinsame Ausstellung: er, 1973 in Niedersachsen geboren, Studium an der Kunsthochschule in Kassel – sie, 1972 in Bayern geboren, Studium an der Akademie für bildende Künste in München. Da sind die bemalten Wände und Leinwände von Elke Zauner, die quasi über sich hinausmalt. Expansiv sind die Konstruktionen, die sie zunächst auf einer Leinwand anlegt, deren Linien und Farbflächen jedoch den dafür vorgesehenen Rahmen verlassen und sich wie Baugerüste und Kräne über die gesamte Wand verteilen und ihre eigene Architektur schaffen. Perspektivische Fluchten bringen Dynamik, Farbe verleiht den Linien Hierarchie und den Flächen harmonische Muster. Der Betrachter beobachtet von seinem Standort aus den Bau einer Großstadt im Zeitraffer. Stillstand, Eingefrorensein als Gefühlsausdruck, vermitteln die Arbeiten von Michael Göbel. Zwei Modelle bereits ausgeführter Arbeiten liegen wie Opfer einer beendeten Freizeitkultur auf einem Sockel: das Fragment eines Riesenrads und das eines Kettenkarussells. Inhaltlich eine ebenso zufällige wie treffliche Ergänzung zum großen Wandbild von Elke Zauner, das sie Phantasialand genannt hat. Die Eindrücke habe sie beim Arbeiten im Freizeitpark bei Köln gesammelt. Auch das Riesenrad von Michael Göbel hat eine reale Geschichte. Der Künstler bezieht sich auf einen Mitte der 1980er Jahre in Plan befindlichen Rummelplatz in Prypjat, der den Angestellten des Atommeilers in Tschernobyl Abwechslung verschaffen sollte. Das Projekt ist gestoppt worden. Göbel schafft dreidimensionale Objekte und gibt ihnen einen einheitlichen Anstrich. Gleichmachen will er individuelle Erscheinungen, kaum mehr unterscheidbar voneinander – ob es Baukastenelemente sind, die er in seiner eierschalenfarbenen Pförtnerloge zeigt, oder Riesenrad und Karussell. Unter ihrer monochromen Hülle verlieren die Gegenstände ihre Einzigartigkeit. Göbel setzt sich kulturkritisch mit dem Individualismus auseinander. Auf der oberen Etage zeigt er seine Schmetterlingssammlung, die er selbst gebaut und einheitlich geschwärzt hat, ebenso Armbanduhren in offenen Schatullen. So entzieht er den Dingen ihre Daseinsberechtigung als bunte Schönheit oder modernes Designobjekt. Auch zeichnerisch untersucht Göbel die Grenzen des Monochromen. Mit hellen Grautönen auf weißem Papier entwirft der Künstler Stillleben, die ganz subtil ihre Komplexität entfalten.


Sic semper tyrannis
mit Oliver Scharfbier
Pavillon im Milchhof, Berlin, 2013
 
Arbeiten:

o. T.
Lepidoptera
o. T. (Destinations)
o. T. (burning car Berlin)


Dr. Tanja Vonseelen Katalogtext zur Ausstellung mit Oliver Scharfbier
«Sic semper tyrannis» – «Dies immer den Tyrannen». Wer würde die implizite Aufforderung dieses Satzes zur Verurteilung und Bestrafung eines tyrannischen Alleinherrschers nicht als eindeutig wünschenswerten Appell verstehen wollen? «Sic semper tyrannis», soll John Wilkes Booth, populärer Schauspieler und fanatischer Sympathisant der Südstaaten, auf der Bühne gerufen haben, nachdem er am Abend des Karfreitags 1865 während einer Vorstellung im Ford’s Theatre in Washington D. C. in der Loge des Präsidenten den tödlichen Schuss auf Abraham Lincoln abfeuerte. Lincoln, ein Tyrann? Der historische Kontext lässt das Textfragment in einem anderen Licht erscheinen. Die anfänglich suggerierte Eindeutigkeit weicht einer multiplen Interpretierbarkeit. Als Ausstellungstitel ist die lateinische Phrase in ihrer Ambiguität daher glücklich gewählt. Denn auch die in «Sic semper tyrannis» präsentierten Arbeiten sind alles andere als eindeutig, auch wenn sie dies bisweilen auf den ersten Blick suggerieren.
Die Ausstellung in dem kleinen, lichtdurchfluteten Kubus des «Pavillon am Milchhof» im Berliner Prenzlauer Berg vereint mit Michael Göbel und Oliver Scharfbier zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Künstler, deren gezeigte Werke sich jedoch spannungsvoll ergänzen. Das mag der gemeinsamen Ausbildung durch Urs Lüthi an der Kunsthochschule Kassel zuzuschreiben sein. Beide Künstler lassen sich nicht auf ein Medium festlegen, ihre Variationsbreite in Bezug auf Werkzeug, Technik und Material reicht von Environment, Zeichnung, Malerei bis hin zur Videoinstallation. Beiden gemeinsam ist auch eine ähnliche Begeisterung für das künstlerische Handwerk. Doch da, wo Michael Göbel mit strengem Konzept agiert, seine Bilder und Objekte selten dem Zufall überlässt und das Werden der Kunst akribisch bis ins letzte Detail begleitet und hütet, entstehen die Arbeiten von Oliver Scharfbier eher im entgegengesetzten Prozess. Spontan, entgrenzt, fast so, als würden sich die Ideen plötzlich ihre Bahn brechen. Deutlich lassen sich die großformatige Leinwand «Warme Melodie» (2013) sowie die kleine Tuschezeichnung «Sic semper tyrannis» (2012) in ihrem emotionalen, kraftvollen Duktus seinem Werk zuordnen. Doch das, was so lässig und unprätentiös erscheint, ist präzise formuliert und in seiner Wirkung genau kalkuliert. Sorgsam werden Text und Bild miteinander in Beziehung gesetzt. Allerdings verweigern sich die aus ihrem Kontext gerissenen Textfragmente einer exakten Interpretation. «Deine warme Melodie macht mich fertig», scheint die Malerei zu schreien. Vielleicht seufzt sie es aber auch nur. Die Konnotation ist nicht auszumachen. Liegt Empörung oder Bewunderung in der Feststellung? Ein Hinweis in Bezug auf die Leserichtung, z. B. anhand der Farbigkeit der Malerei, fehlt. Bei den zwei ausgestellten Skulpturen kann man Ähnliches beobachten: Durch «Re-Konfiguration» (vgl. Dorothée Bauerle-Willert: Provisorium als Status quo. 2009) von gefundenen Objekten und Zitaten aus völlig heterogenen Funktionszusammenhängen lässt Oliver Scharfbier neue semantische Systeme entstehen, ohne jedoch die Spuren und Verletzungen ihren vorherigen Verwendung zu tilgen. Die Dechiffrierung der so entstandenen Bedeutungsüberlagerungen bleibt, wie schon bei den Wandarbeiten, Sache des Betrachters. Denkanstöße geben lediglich die im Vergleich zur Abstraktion der Arbeiten erstaunlich narrativen Titel. So umgibt eine Aura geheimnisvoller Schönheit die Skulptur «Alle sieben Jahre» (2013), eine Assemblage aus einem rostigen Postfach, scharfkantigem, gebrochenem Glas und dem kalten Licht einer Leuchtstoffröhre, das die rostige Lade erhellt und den Blick auf eine kryptische Botschaft auf dem Glas ermöglicht «Nach sieben Jahren | der großen Gier | Rachedurst und Zorn | Blitzartig löst sich die Hitze auf». Die Ästhetik der Skulptur trifft auf eine inhaltliche Mehrdeutigkeit, die sich nicht auflösen lässt. Darf eine Skulptur so etwas? Eine Prognose stellen, ähnlich wie das Orakel von Delphi, ohne irgendeinen Beleg auf Wahrhaftigkeit und vor allem ohne eine semantische Ebene? Ohne Zeitbezug? Den Betrachter völlig im Unklaren lassen, was alle sieben Jahr sein wird? Ist es Versprechen oder Drohung, was hier proklamiert wird? Steht die Erfüllung der Prophezeiung kurz bevor, sind wir mittendrin oder ist die vorhergesagte Kehrtwende vielleicht bereits Geschichte, sodass wir uns hier lediglich mit dem Fragment einer politischen Botschaft konfrontiert sehen, das auf merkwürdige Weise bewahrt wird?
Auch bei der kleinen Arbeit «Elfkommazwei Kilo Widerstand» aus dem Jahr 2013 handelt es sich um die Übertragung eines gefundenen Objektes in einen neuen Kontext. Das gewichtige Objekt, einst Betonhantel, präsentiert sich, mit Henkel und Inschrift versehen und auf einen Sockel gestellt, von Weitem so unschuldig wie ein edel zur Schau gestelltes Gucci-Handtäschchen. Doch der Schein, und auch der humorvoll anmutende Titel, trügt: Die Skulptur trägt eine nicht zu leugnende Brutalität in sich, auch wenn sich erneut nicht ausmachen lässt, ob es sich hier z. B. um eine friedliche oder eher gewalttätige Form des Widerstandes handelt. Oder gar, wem hier auf die eine oder andere Art widerstanden wird oder widerstanden werden soll.
In direkter Nachbarschaft zu der markanten Wandplastik «Alle sieben Jahre» von Oliver Scharfbier formieren sich menschenähnliche Gestalten, erschaffen von Michael Göbel (o. T., 2010). Die für maritime Zwecke entwickelten Ölmäntel deuten das, was sie beschützen sollen, nur an. Sie sind menschenleer, nur noch Hülle, eingelassen und gehalten von Podesten. Die im Volksmund auch als Friesennerz bekannte Funktionskleidung, en vogue, lange bevor es das Wort «Funktionskleidung» überhaupt gab, birgt sicherlich Erinnerungen an eine Kindheit im norddeutschen Tiefland. Abgeschottet von der Außenwelt, gleichen die Regenmäntel einer persönlichen Festung im Kampf gegen Wind, Wetter und auch allen anderen Unbillen des Lebens. Doch vor allem spielt die Arbeit mit der gleichmachenden Eigenschaft des schweren Ölzeugs, das ob seines geschlechtsneutralen Schnitts und einer gewissen Sperrigkeit des Materials den in ihr steckenden Menschen nicht nur schützt, sondern auch in gewisser Weise nivelliert. Das Individuum wird Teil einer undefinierbaren und ununterscheidbaren Masse – und das bei höchstmöglicher Sichtbarkeit durch die gelbe Signalfarbe. Damit aktualisiert die auffällige Skulpturengruppe die Fragen nach der Entstehung von Identität, der Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft und dem Spannungsfeld zwischen Individualität und Konformität (vgl. Barbara Heinrich: Michael Göbel. Katalog zur Ausstellung «Inseln». 2010), mit denen sich der Künstler immer wieder auseinandersetzt. Auch Göbels Schmetterlinge, als Trockenpräparate eng gedrängt auf der gesamten Stirnseite des Ausstellungsraumes präsentiert, sind somit weit mehr als eine simple Anspielung auf Vergänglichkeit, Metamorphose und Unsterblichkeit. Verhandelt wird mit der Serie der Pretiosen, zu der neben den in der Ausstellung gezeigten 80 von insgesamt 100 Tablets (Lepidoptera, 2012) auch noch 12 Armbanduhren (Chronos I–XII, 2012) gehören, vielmehr eine weitverbreitete Strategie der Identitätsstiftung: die Sammelleidenschaft. Denn wir sammeln aus den unterschiedlichsten Gründen. Um uns an etwas zu erinnern, aus wissenschaftlichen Motiven oder ästhetischem Antrieb. Und auch um mit den angehäuften Kostbarkeiten unsere Identität, unser Selbstbild, und das Bild, das sich andere von uns machen, zu schärfen. Stolz werden die Objekte der Begierde präsentiert. Kleine Altäre der eigenen Obsession, oftmals in einer eigens dafür geschaffenen Ecke des Wohnraumes. Doch was im Falle des Zyklus «Lepidoptera» auf den ersten Blick täuschend echt wirkt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als kunstvolle Imitation: Für diese Sammlung musste kein Schmetterling sein Leben lassen. Ausnahmslos alle Falter im Werkzyklus wurden von Menschen- bzw. Künstlerhand geschaffen. Anders als in den üblichen Schmetterlingssammlungen lassen sie sich jedoch nur noch durch ihre Form voneinander unterscheiden. Überzogen mit Tafellack und einem Gemisch aus Bitumen und Wachs wird ihre farbenprächtige Schönheit – und damit ihr wichtigstes Destinktions- und Bestimmungsmerkmal – ausgelöscht. Das, was einst exklusiv und exotisch war und dem Sammler zu Prestige, öffentlicher Anerkennung und Abgrenzung verhelfen sollte, gerät zur Farce. Hier geht es nicht um die Zurschaustellung einer wertvollen Sammlung. Hinterfragt wird die Sinnhaftigkeit des Sammelns selbst. Und vielleicht auch die Absurdität im Umgang mit Pretiosen: Getötet und auf Nadeln gespießt, oder, wie im Fall der Uhren, aufbewahrt und zu Staubfängern degradiert, um ihren Wert nicht zu mindern.
Eine Sammlung ganz anderer Art bilden die fünf ausgestellten Markerzeichnungen der Destinations-Serie (o. T., 2008), die auf Grundlage von streng dokumentarisch aufgenommenen Fotografien entstehen. Im Fokus steht die Frage nach unserer Wahrnehmung, dem Umgang mit der Realität und unserer Erinnerung daran. Präsentiert werden Flugzeuge, das Symbol schlechthin für große Reisen und Fernweh. Doch keines der hier zu sehenden Luftschiffe hat bisher seine Reiseflughöhe erreicht. Statisch zeigt Michael Göbel sie am Boden stehend, als Projektionsfläche für Wünsche und Träume, wie uneingelöste Versprechen ihrer eigentlichen Bestimmung beraubt. Stillstand anstelle Bewegung. Verstärkt wird der unwirkliche Charakter der Motive durch das transparente Grau der in Parallelschraffur ausgeführten Zeichnungen: Ähnlich wie bei Nachbildern oder Traumsequenzen scheint es, als müsse man um ihre Existenz (und um den Blick auf sie) kämpfen, nur, um sich der Vergeblichkeit des eigenen Tuns bewusst zu werden. Denn was aus der Distanz noch klar erkennbar erscheint, verliert mit zunehmender Fokussierung und Nähe seine Kontur. Eine buchstäblich verblassende Erinnerung, ebenso wie das Bild des brennenden Autos in «Burning car» (2011), das, einem Bericht zu den Automassakern in Berlin entnommen, auf eine Glasscheibe geätzt wurde. Die Spiegelungen im Glas machen eine genaue Betrachtung des Dargestellten zu einem Geduldsspiel. Der Betrachter steht sich selbst im Weg, beständig auf der Suche nach dem richtigen Winkel, der ihm den Zugang zum Motiv ermöglicht. Nur um zu erkennen, dass hier ohnehin nur angedeutet wird, was man sehen könnte – und dass das dokumentarische Bild anhand der eigenen (Seh)Erfahrung und Erinnerung komplettiert wird und werden muss.
Sic semper tyrannis? Alles, so scheint die Ausstellung nahezulegen, erscheint als eine Frage der Perspektive. Nichts ist endgültig, nichts auf den ersten Blick fassbar. Ein gemeinsamer Kampf der Künstler – gegen die Tyrannei der Eindeutigkeit und einfachen Lösung.



Circus Maximus
Galerie Coucou, Kassel, 2011

Text im Faltblatt zur Ausstellung
Wagenrennen werden in der Galerie Coucou keine veranstaltet. Auch auf Tierhetzen oder Gladiatorenkämpfe verzichtet Michael Göbel in seiner Ausstellung „Circus Maximus“.
Der Große Zirkus kommt eher leise daher. Allerdings zeigt zumindest die groß­formatige namensgebende Zeichnung in fast transparentem Grau so etwas wie die zeitgenössische Variante des historischen Kräftemessens: die Laufbänder eines modern ausgestatteten Fitnessstudios. Menschenleer wirken sie wie verlassene Artefakte eines geheimen Rituals.
An Nachbilder erinnern auch die geätzten, auf Wandauslegern leicht schräg gestellten Glasscheiben. Durch die Spiegelungen im Glas entziehen sich die Motive der einfachen Betrachtung.
Wie ein Souvenir eines Selbsterfahrungstrips erscheint das monochrome Floss im Nichts des Galerieraumes. Der weiße, vom Künstler hermetisch verschlossene, hintere Raum der Galerie greift dieses Thema im kaltweißen Lagerfeuer noch einmal auf.
Mit der Skulptur „Harmony in my head“ wird der Blick jedoch eher nach innen gerichtet. Die Brücke überspannt nicht nur das Tal, sondern auch das in die Landschaft geschriebene Profil des Künstlers. Warum gerade eine Autobahnbrücke für Harmonie im Kopf stehen soll, bleibt offen. Sind es hier eher mentale Abgründe, die es zu überbrücken gilt?
„Diamonds are forever“, die dreiteilige Arbeit im Eingangsbereich, zeigt zentral eine als Urlaubsmitbringsel gebrandmarkte Elefantenschnitzerei. Flankiert von einem Gehirn und einem Bett, sind die Objekte jeweils unter einem Sockel für die im Titel der Arbeit erwähnten Diamanten montiert. Die vermeintlichen Edelsteine weisen bei genauerer Betrachtung allerdings eine Weichholzmaserung auf und wirken mit handwerklichen Ungenauigkeiten eher gebastelt denn für immer. Sie sind aus Einzelteilen konstruiert, ähnlich wie unsere Erinnerungen aus Erlebnissen und Empfindungen zusammengesetzt werden, und mit den tatsächlichen Ereignissen meist nur noch wenig gemein haben.
Michael Göbel lässt Objekte und Bilder wie Gedanken oder Vergangenes nur schemenhaft auftauchen, bevor sie sich im (Ausstellungs-) Raum wieder auflösen. Es werden die Abweichungen unserer persönlichen Wahrnehmungen und die Brüchigkeit der sogenannten objektiven Realität deutlich.

Inseln
Kunsthalle Willingshausen, 2010

 
Arbeiten:

• Insel
• o. T. (Serie: Gärten)
• Aufgänge
• o. T. (Sonne)
• o. T.

Bernhard Balkenhol (Katalogtext)
Inseln
Dörfer sind wie kleine Seen, die von Straßen und Wegen gespeist, sich in der Landschaft gebildet haben. Von den Menschen aus gesehen, die darin wohnen, könnte man auch von Inseln sprechen. Deren Bewohner haben sich hier angesiedelt und auf dem eingenommenen Land ein Gemeinwesen gegründet. Es fasst sie zusammen und schützt sie vor dem Draußen. Auf diesen Inseln haben sich die jetzt Ansässigen wiederum eigene kleine Inseln gebaut, Orte, an und in die sie sich zurückziehen können, wo sie sicher sind vor den Blicken und Zugriffen der Anderen. Darin wiederum, abgetrennt oder über Treppen erreichbar, findet man noch kleinere Orte, die privaten Zimmer, wo jeder ganz für sich sein kann. Geht man diesen Weg weiter, gelangt man zu den Möbeln, den Schubladen und Schachteln, schließlich in die Kleidung bis in den Kopf, den wachen wie den schlafenden.
„Niemand ist eine Insel“, so sagt man sprichwörtlich. Der Dichter und Theologe John Donne hatte Anfang des siebzehnten Jahrhunderts diesen Satz formuliert und weiter ausgeführt: „Jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlands. Wenn ein Erdklumpen ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso wenn es eine Landzunge ist, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes.“ Er wollte darauf aufmerksam machen, wie wertvoll jeder Einzelne für das Gemeingut ist und wie sehr ihn das verpflichtet.
Gleichwohl braucht es offenbar die Grenzen. So jedenfalls sieht Michael Göbel das, der im Rahmen seines Arbeitsstipendiums drei Monate in dem kleinen Schwälmer Dorf Willingshausen verbracht hat. Seine Ausstellung in der dortigen Kunsthalle nannte er vieldeutig „Inseln“.
Michael Göbel zeigt dort Zäune, Hecken und Tore, die die einzelnen Grundstücke und Höfe abschotten. Er zeigt Treppen, deren Von-Wo und Wohin schwer zu identifizieren ist. Und er zeigt beleuchtete Fenster in der Nacht, die die neugierigen Blicke anziehen wie die Mücken das Licht. Er selbst zeigt sich auf der Einladung und dem Plakat als Fremder auf dem Weg ins Dorf, mit seinem gelben „Friesen-Nerz“ wie in eine alte Schwarz-Weiß-Postkarte hinein montiert.
Grundlage all dieser Bilder sind streng dokumentarisch aufgenommene Fotografien. Sie nehmen das Gesehene emotionslos und präzise in Besitz. Trotzdem verorten sie den Fotografen durch die spezifisch bildnerische Gestaltung von Ausschnitt, Blickrichtung und perspektivischer Verzeichnung und zeigen sein Motiv, „was sehen“ zu wollen. Die Bildmotive allerdings verschließen dem Betrachter den Blick, zeigen ihm, dass er draußen steht und eigentlich nichts sehen kann – und soll.
Michael Göbel hat die Fotografien von den verschiedensten Abgrenzungen im Dorf als Vorlage zu großformatige Zeichnungen verarbeitet. Sie geben das Foto allerdings nicht in seiner Farbigkeit wieder sondern in einem kaum sichtbaren Grau. Mit dem Filzstift übersetzt er es graphisch und ohne jegliche Handschrift in eine Parallelschraffur, als würden sich das Motiv, die Mauern und der Bewuchs gegen ihre Sichtbarkeit und tatsächliche Erscheinung wehren. Die Motive gehen in einem zeichnerischen Effekt auf und verwandeln so das Bild in ein Bild vom Bild.
Auch die Fotografien von den Treppenhäusern hat Michael Göbel übersetzt, indem er sie auf bloßes Helldunkel reduziert und auf Glasplatten geätzt hat. Man muss einen bestimmten Winkel finden, um sie überhaupt deutlich wahrnehmen zu können. Geht man ganz nahe heran, löst sich das Bild in kaum noch signifikante matte und glänzende Flächen auf. Wieder aus dem Abstand gesehen, erscheint das Bild wie eine farblose Spiegelung auf einem Fenster, das den interessierten Blick begrenzt.
Und schließlich die Lichtpunkte in der dunklen Nacht, die hell erleuchteten Fenster, auch sie gewähren keinen Einblick. Niemand ist darin zu sehen, beleuchtet sind nur die Grenzen zum Privaten, die Vorhänge und der Fensterschmuck als indirekte Charakterisierung und minimaler Verweis auf die Bewohner.
So geben diese Fenster, ebenso wie die Treppenhäuser und Absperrungen ein Bild ab, das gerade in der spezifischen künstlerischen Verarbeitung mehr als ihr Motiv ist. Das Motiv wird zur Metapher, wodurch sich die distanzierte Sachlichkeit wieder personalisiert, und fragt nach den Menschen und ihren Haltungen wie nach dem Standpunkt und den Projektionen des Betrachters – und das, trotz oder gerade wegen der Widerstände, die dem Betrachtung in den Weg gelegt werden.
Wie gegenständlich und real ein solches Bild auf den Begriff gebracht werden kann, zeigte die zentrale Arbeit in der Ausstellung: der aufgebockte Tanzboden, der sich mit seinen Lampions über dem Trubel des Dorffestes erhebt – auch eine Insel, zum gemeinsamen Tanzen und zu fröhlich ausgelasser oder zärtlicher Zweisamkeit. Allerdings ist es schon Nacht und der Tanzboden verlassen in dunklem Blau. In seiner Größe um die Hälfte geschrumpft und teilweise verschwunden in der Wand, erscheint die Szene wie ein Nachbild, eine Erinnerung an etwas, das – so ähnlich oder prinzipiell? – schon wieder Vergangenheit ist.

Presse

HNA, 25.09.2010, Sandra Rose

room with a view
Kulturnetz Kassel, 2008

 
Arbeiten:

• o. T. (Hochstände)
• o. T. (Bedrooms)
• Sauerland Pension


Barbara Heinrich MA Einführung in die Ausstellung
Michael Göbel (Jahrgang 1973) hat in Kassel Freie Kunst bei Professor Lüthi und Visuelle Kommunikation bei den Professoren Ott und Stein studiert.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fotografie, Malerei, Zeichnung und Skulptur, die inhaltlich stets vernetzt sind und auch formal häufig in Form von Installationen zueinander gestellt werden.
Der Titel der Ausstellung „Room with a View“, also etwa „Zimmer mit Aussicht“, deutet das Thema schon an. Das englische Wort „view“ hat vielerlei Bedeutungen: Anblick, Ansicht, Aussicht, aber auch Absicht, Anschauung, Auffassung oder Betrachtung, Blick, Vorstellung.
Gemeint ist also nicht nur die Auseinandersetzung mit realen Räumen und ihren formalen Aspekten, also der Blick auf etwas, sondern es geht in Michael Göbels Arbeiten immer auch um Einblicke und Verortungen im Sinne von Ansichten oder Standpunkten.
Michael Göbels Skulpturen, wie die hier ausgestellten Hochstände, sind verkleinert nachgestellte, auf exakter Fotorecherche basierende Rekonstruktionen realer Gegebenheiten. Jeder kennt diese eigenartigen Gebilde der Waldmöblierung, die ihren Nutzern die Möglichkeit bieten unbeobachtet beobachten zu können. Im englischen nennt man sie „Raised Hides“, also erhöhte Verstecke. Der Hochstand ist ein Raum, von dem aus man den Überblick über einen bestimmten geografischen Bereich hat und der seine jeweiligen Nutzer zugleich selbst schützt – eine Art Anonymität in einem öffentlichen Raum.
Im Maßstab 1:6 verkleinert und gleichförmig rosa eingefärbt erstarren nun diese Kleinskulpturen zur ironischen Karikatur ihrer ursprünglichen Versprechungen, denn nun kann jeder Einblick nehmen – der Betrachter hat den Überblick über das Geschehen. Und um genau diese Umkehrung des Blickwinkels, um das Wechselspiel von Verstecken und Zeigen, von Intimität und Öffentlichkeit geht es in Michael Göbels Arbeiten.
So auch in Sauerland Pension, einem Ensemble aus zwei Kopfkissen, die auf einem hölzernen Bord ausgestellt sind. Was sonst nur in der Abgeschiedenheit eines Hotelzimmers dem jeweiligen Mieter (und dem Zimmermädchen) zugänglich ist, wird hier öffentlich gemacht, einschließlich der Gebrauchsspuren.
Dieser Wechsel von Innen- und Außenansicht setzt sich auch in den ausgestellten Zeichnungen fort, die zum einen öffentliche Räume, wie etwa die Poollandschaft einer Hotelanlage, aber auch Innenräume, also intime Interieurs zum Thema haben (in diesem Fall Schlafzimmer). Mit hellgrauem Grafikmarker sind die Sujets in zarter Schraffur aufgetragen. Nur aus der Fernsicht gibt sich das Dargestellte in seiner Gesamtheit zu erkennen. Kommt man näher, lösen sich die Formen in der Schraffur auf und werden transparent, fast durchsichtig.
Wie privat ist der öffentliche Raum? Wie viel Öffentlichkeit verträgt das Private? Welche Einblicke lassen wir zu und welche werden uns gewährt? Wie entstehen Ansichten und wie individuell sind sie? Um genau diese Fragen kreisen die Arbeiten von Michael Göbel.

Presse

HNA, 28.3.2008, P. Sommer

Miniaturwelten
Kunsttempel, Kassel, 2003

 
Arbeiten:

• Zuhause
• Andenken an Zuhause
• Menschen


Doris Krininger MA Einführung in die Ausstellung (Auszug)

(…) 100 minutiös auf Papierschnipsel schwarz weiß in Öl gemalte Ganzkörperbildnisse zwischen 3 cm und maximal 7 cm Höhe, sowie eine weitere bunt kompakte, auf Holztäfelchen gesetzte Bildnisreihe stellt Michael Göbel dem groß aufgeladenem Image der Porträtmalerei gegenüber. Zeitungsprints, später eigene Fotoaufnahmen liegen jeweils als Ausgangsmaterial seiner Porträtgalerie zugrunde. Die Papierblättchen, schlicht mit Stecknadeln angepinnt finden passgenau in einer Schachtel ihre Aufbewahrung, zu den Farbarbeiten gehört eine Kassette mit dem Fassungsvermögen von je 6 Täfelchen und zur Erleichterung der Hängung hinzugefügt, eine Bohrschablone. Als work in progress konzipiert, löste die noch unbeendete Buntserie, 1998 die schwarz-weiß Reihe ab. Die Häufung der anonymen Porträts ist als visuelle Statistik, in Kleidung Haltung und Auftreten als zeitbezogenes Soziogramm zu lesen. Ein minimaler Kunstgriff, die radikalen Verringerung des gewohnten Volumens irritiert und verlangt genaues Hinsehen wie die Typologien der Winzlinge den bevölkerungsdurchschnittlichen Ist-Zustand malerisch protokollieren.
Unterm Sturz gesichert ruhen 6 „Andenken an Zuhause“ betitelte Modelle. Sie gehören als Indikatoren wohlständischer Existenz zu dem schwebenden Reihenhaus, „Zuhause“, welches in leichter Korrektur an der LandbergGartenBahn-Norm ausgerichtet ist. Die 2002 entstandene Werkgruppe basiert ebenfalls auf Fotorecherchen überall zu findenden, von Ortsbezogenheit und Lokalkolorit gesäuberten Privatbesitzes. Aus Gips, Holz und Pappe bestehend und identisch mit einem Ton aus der RAL-Mattlack-Palette eingefärbt, zeigt sich hermetisch abgedichtet, in Bauspareroptik standardisiert das Eigenheim und seine obligatorischen Requisiten. Schaukel, Kamingrill, Wäschespinne, Sichtschutz, Schuppen, Zaun und BMW-Combi referieren familiär ideale Arbeit und Freizeitkonditionen. Im abwaschbar, cleanen Finish erstarren die Kleinskulpturen zur zynischen Karikatur ihrer vermeintlichen Versprechungen. (…)

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